Aktueller Futterrat vom 08.06.2011

Füttern ohne zu Heizen

Rinder leben überall in der Welt, sogar mitten in der arabischen Wüste oder hoch im kühlen Norden Skandinaviens. Hitze oder Kälte scheint ihnen wenig auszumachen. Wie viele gleichwarme Tiere verfügen auch die Rinder über Mechanismen der Thermoregulation. Rinder fühlen sich in einem Temperaturbereich von 15 bis minus 15°C am wohlsten. Hier können sie über die Hautdurchblutung den Wärmehaushalt regulieren. Bei lang anhaltenden Wärmeperioden von über 25°C gelingt es den Kühen immer weniger die überschüssige Wärme über die Haut abzustrahlen. Die Wärme muss zunehmend über Wasser ausgeschwitzt oder veratmet werden. Die Energieaufnahme der Kühe wird deutlich gedrosselt. Das Problem ist: Pflanzenfresser sind per se schlechte Futterverwerter. Dies bringt ihnen u.a. den schlechten Ruf als „Klimakiller“ ein und provoziert durch immense Stoffumsetzungen sehr viel Wärme in den Vormägen. Die Faserverdauung heizt besonders stark. Mit steigender Leistung und damit steigender Stoffumsätze muss die Verdaulichkeit der Nährstoffe zwar steigen und die Wärmeerzeugung je Produkteinheit sinkt, je Kuh nimmt die Wärmebelastung jedoch deutlich zu. Die Kühe reagieren sofort mit einer Begrenzung der Futteraufnahme und dem Herausselektieren von Grobfutter.

Strukturfutter bremsen
Mit Strukturfutter sollte deshalb sehr restriktiv umgegangen werden. Gerade im Sommer sollte darum nur bestes rohfaserarmes Grobfutter eingesetzt werden. Es müssen überwiegend Grobfuttermittel eingesetzt werden, welche nicht mehr als 40 % Wärmeverluste provozieren. Dies kann durch die Differenz von Umsetzbarer Energie (MJ ME) und Netto-Energie-Laktation (MJ NEL) auch berechnet werden. Auf Stroh oder faserreiches Heu muss deshalb verzichtet werden. Es sollte zielgerichtet an die untere Grenze von 350 g strukturwirksame Rohfaser je 100 kg Körpermasse herangefüttert und ggf. mit Pansenpuffersubstanzen unterstützt werden. Bei Hitzestress ist oft auch mit metabolischer Acidose zu rechnen. Dies ist begründet durch die Depression der Strukturaufnahme, das falsche Gegensteuern mit Kraftfutter bei Milchleistungsabfall und durch verstärkten Verlust an Puffersubstanzen wie Natriumbicarbonat über Schweiß und Harn. Zu Beachten ist auch, dass die Acidosegefahr nach Beendigung einer Hitzeperiode nicht vorbei ist. Oft steigen die Futteraufnahme und damit die Säurebildung in den Vormägen bei sinkenden Temperaturen sprunghaft an. Hier ist fast klassisch eine Übergangsfütterung zur Adaptation an die veränderte Aktivität des Pansenstoffwechsels angebracht. Bei Transponder- und/oder Melkstandsfütterung muss die Kraftfuttermenge verringert werden, da die Aufnahme der faserhaltigen Futtermittel sinkt und die des Kraftfutter meist nicht.

Mehr im Darm füttern
Im Gegensatz zur üblichen Lehrmeinung sollte der Pansen in Hitzeperioden eher unterfordert werden. Das heißt der Anteil an Durchflussnährstoffen (pansengeschützte Proteinkonzentrate, geschützte Fette, Körnermais statt Getreidestärke) sollte maximiert werden, um die wärmeproduzierende Mikrobentätigkeit in den Vormägen zu begrenzen.  Der Einsatz von Eiweißfuttermitteln mit einem hohen Anteil an Durchflussprotein entlastet zusätzlich die Leber, da weniger Ammoniak anflutet. Die Kenntnis über die Wirkung von Einzelfuttermitteln ist zur „Hohen Schule“ der Milchkuhfütterung geworden. Vielfältig zusammengesetzte Rationen werden oft besser gefressen als Monodiäten. Neben der Überlagerung von sensorischen Mängeln sind insbesondere die futtermittelspezifisch unterschiedlichen Abbaugeschwindigkeiten der Nährstoffe in den Vormägen dafür verantwortlich. Da die Futteraufnahmeregulation beim Milchrind lipostatisch gesteuert wird, spielt der Fettsäurespiegel im Blut eine große Rolle bei der Begrenzung der Futteraufnahme. Der überwiegende Teil der Fettsäuren im Blut entstammt zwar dem Pansenstoffwechsel, fette Kühe und Kühe, welche aufgrund der einschränkten Futteraufnahme Körperfettreserven einschmelzen, haben aber immer einen höheren Blutfettsäurespiegel und fressen dadurch weniger. Da Fette die höchste Energiedichte aller Futtermittel besitzen, 1 kg enthält durchschnittlich 18,5 MJ NEL, wird es für die energetische Aufwertung von Futterrationen für Hochleistungskühe interessant. Zudem sind die Wärmeverluste bei Fetteinsatz deutlich geringer, als bei faserreichen Energieträgern. Ungeschützte Fettgaben über 800 g je Kuh und Tag haben jedoch die negative Eigenschaft, Fermentationsstörungen in den Vormägen zu provozieren. Bei der Gabe von geschütztem Fett, kann die Gesamtfettaufnahme auf bis 1300 g (davon 50 % geschützt) gesteigert werden. Diese Grenze sollte jedoch in der Sommerfütterung nicht pragmatisch ausgereizt werden. Hier muss die Futteraufnahme und der Gehalt an fettfreien Milchinhaltsstoffen sensibel beobachtet werden.

Aerob stabile Rationen
Die Gesamtration soll außerdem nicht mehr als 55 % Trockenmasse aufweisen. Eine Wasserzugabe zur Futtermischung ist grundsätzlich möglich. Es ist aber zu berücksichtigen, dass dies „leeres“ Wasser ist, welches nicht mit dem Zellsaft der pflanzlichen Futtermittel gleichzusetzen ist. Insbesondere die geringen Säuremengen, welche in trocknen Silagen vorhanden sind, reichen nicht aus, um den pH-Wert im sauren Bereich zu halten. Die Folge kann kontraproduktiv sein. Die Futteraufnahme und die aerobe Stabilität der Futtermischung sinken. Nacherwärmte Silagen bzw. Futtermischungen sind grundsätzlich zu vermeiden, da sie schlecht gefressen werden und die Wärmeregulation der Kuh weiter belasten. In den Sommermonaten nimmt die Milchkuh bis zu 2/3 der aufgenommen Futtermenge in den Nachstunden auf. Um dies zu berücksichtigen, dürfen insbesondere in den Abend- und Nachtstunden die Futtertröge niemals leer sein. Die Bereitstellung frischer Silage ohne Zwischenlagerung aus dem Silo, die Restfutterbeseitigung und die Trogreinigung muss am Abend erfolgen. Dies ist auch schon deshalb sinnvoll, da die aeroben Veränderungen in der Futterkrippe am Tag deutlich höher sind als in den kühleren Nachtstunden. Generell ist es notwendig in den Sommermonaten häufiger zu füttern. Dabei sollte abends mehr vorgelegt werden als morgens. Auf keinen Fall sollte Futter zwischengelagert werden.

Mineralstoffverlust ausgleichen
Bereits bei Temperaturen um die 25 °C werden 1,5 Liter Wasser je Stunde ausgeschwitzt. Dies führt zwangsläufig auch zu einem verstärkten Mineralstoff- und Salzverlust.  Zudem sollte Mineralfutter mit höheren Gehalten an Vitamin E (5.000 mg) und Selen eingesetzt werden, um den erhöhten Bedarf an Antioxidanzien zur Vermeidung von oxidativem Stress Rechnung zu tragen. Der um etwa 15 % erhöhte Bedarf an Natrium kann durch Viehsalz gedeckt werden.

Dr. Olaf Steinhöfel, LfULG, Köllitsch

Ansprechpartner

Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Referat 74: Tierhaltung

Prof. Dr. Olaf Steinhöfel

Telefon: 034222 46-2200

Telefax: 034222 46-2099

E-Mail: olaf.steinhoefel@smul.sachsen.de

Webseite: http://www.smul.sachsen.de/lfulg

Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Referat 74: Tierhaltung

Frank Püschel

Telefon: 034222 46-2211

E-Mail: frank.pueschel@smul.sachsen.de

Webseite: http://www.smul.sachsen.de/lfulg

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